Die sozialliberale Koalition war ein Aufbruch. Dem deutschen Strafgesetzbuch von 1871 lag das Prinzip von Schuld und Sühne zugrunde, nun sollte das Strafrecht vor allem der Resozialisierung verpflichtet sein und nicht länger dazu dienen, moralisch konformes Verhalten durchzusetzen.

Die FDP war politische Avantgarde. Mit progressiven Ideen und charismatischen Persönlichkeiten prägte sie über Jahrzehnte die Politik im In- und Ausland. Um die Fünf-Prozent-Hürde musste sie immer wieder kämpfen, doch erst 2013 verpasste sie zum ersten Mal den Einzug in den Bundestag. Seit sich die parteipolitische Landschaft verändert hat, ist es für sie schwieriger geworden, sich zu behaupten. Mit dem Ampel-Aus kam ein massiver Vertrauensverlust hinzu.

In 50 Jahren Parteiarbeit in führenden Positionen, im Parlament und in der Regierung habe ich einiges gelernt. Ohne Ahnung kann man keine seriöse und fundierte Politik machen. Nicht aufgeben. Jammern nützt nichts.
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Ohne klare Haltung in grundsätzlichen Fragen wie Grundrechten, Rechtsstaat und Demokratie bleibt man als Politikerin beliebig. Thematisches Hin- und Herlavieren bringt nichts. Kritik an den anderen Parteien und an der Regierungspolitik gehört zum politischen Geschäft, Stimmen bringt sie nicht.

Was die FDP jetzt braucht, ist die Erzählung vom Liberalismus der Zukunft. Diese wunderbare Idee von der Freiheit eines jeden Menschen, der nur sich selbst gehört und dem Staat mit Rechten gegenübersteht, einem Staat, der ihn schützen, aber nicht erziehen darf. Keine andere Partei vertritt sie. Der Mensch darf nicht auf seine Funktion als Marktteilnehmer reduziert werden. Menschenrechte, Menschenwürde, Toleranz und Respekt müssen heute gegenüber den Gegnern der liberalen Demokratie stärker denn je verteidigt werden.